Ärztevertretung warnt vor Verzögerungen bei der digitalen Vernetzung im Gesundheitswesen

Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen kritisiert fehlende Voraussetzungen zur Anschaffung und zum Anschluss von IT-Komponenten

Nach den gesetzlichen Festlegungen im E-Health-Gesetz und den aktuellen Beschlüssen der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gematik) sollen bis zum 30. Juni 2018 niedergelassene Ärzte und Kliniken an die neue Telematikinfrastruktur (TI) im Gesundheitswesen angeschlossen sein. Dazu soll in diesen Tagen das flächendeckende Rollout der neuen Telematikinfrastruktur beginnen.

„Der vorgegebene Zeitplan fängt schon jetzt an zu kippen. Das ist nicht die Schuld der Ärzteschaft. Doch sie soll aber dafür gerade stehen. Das wohl komplexeste Projekt der Gesundheitsversorgung wird in unrealistische Zeitvorgaben gezwängt, ohne dass die notwendigen Voraussetzungen dafür geschaffen wurden“, kritisiert der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Dr. Jörg Berling, heute in Hannover.

Falls die Umsetzung bis Mitte nächsten Jahres nicht klappt, haben die niedergelassenen Ärzte mit Honorarkürzungen zu rechnen.

Vom Konnektor als zentralem Modul gibt es derzeit nur ein einsatzfähiges Modell. Doch das steht nicht wie geplant zum 1. Juli zur Verfügung. Die notwendige Zertifizierung steht noch aus. Bis das Gerät in die Serienauslieferung geht, könnte es November werden. Ein Unternehmen kann also solange den Preis bestimmen, bis weitere Konkurrenzprodukte zertifiziert und lieferfähig am Markt sind. „Markwirtschaft sieht anders aus“, so Berling.

Weitere Konnektoren werden wohl nicht vor dem Frühjahr 2018 verfügbar sein. Und dann sollen bis Mitte 2018 mit einem Mal deutschlandweit 150.000 Arztpraxen, 40.000 Zahnarztpraxen und 2.000 Krankenhäuser mit den IT-Komponenten ausgestattet und angeschlossen sein. „Kein Mensch weiß, wie das funktionieren soll“, sagt Berling.

Für die Anschaffung der technischen Geräte und deren Installation sollen die Praxen über die Kassenärztlichen Vereinigungen Erstattungen bekommen. Dies haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Krankenkassen jüngst vereinbart. „Doch über manche Details wird immer noch mit den Krankenkassen gestritten. Wie sollen wir die Auszahlung der Erstattungsbeträge für die Arztpraxen vorbereiten, wenn es darüber noch gar keine detaillierte Einigung gibt?“, fragt der stellvertretende KVN-Vorsitzende.

Weitere Fragen stehen für die KVN ebenfalls im Raum: Wann kann die anspruchsvolle Technik in den Praxen installiert werden, wenn selbst die Softwarefirmen mit den Anforderungen noch gar nicht vertraut sind? Werden die bisherigen geschützten Datenautobahnen der Kassenärztlichen Vereinigungen in die IT-Infrastruktur integriert? Was passiert, wenn in einigen Gegenden ein DSL-Anschluss immer noch nicht verfügbar ist?

„Fragen über Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Doch die Zeit läuft uns davon. Wir müssen jetzt den TI-Rollout planen und hoffen, dass sich die offenen Fragen im Prozess klären. Eine proaktive und kontinuierliche Information der niedergelassenen Ärzte über die Rahmenbedingungen zur Einführung der TI ist aktuell nicht möglich. Sicher programmiert ist bei dieser Art der Digitalisierung bislang nur eines: der Fehlstart“, so Berling.

Weitere Informationen zum Rollout der Telematik-Infrastruktur finden Sie hier


Berliner Allee 22
30175 Hannover
Tel.: 0511-380-03
Fax: 0511-380-3491
info@kvn.de