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ATIS: Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen pharmakogenetischer Analysen

Frage an ATIS

Ein Kollege, Facharzt für Gastroenterologie, schrieb: „Im Rahmen meiner koloskopischen Vorsorgeuntersuchungen werde ich von Patientinnen und Patienten gelegentlich gefragt, ob es Medikamente gibt, mit denen man Darmkrebs vorbeugen kann. Ich weiß, dass nichtsteroidale Antiphlogistika und Grüntee in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Aber was ist davon zu halten? Kann man das den Patienten empfehlen?“

 

Antwort von ATIS

Gemeint sind hier nicht die bekannten Maßnahmen zur Senkung des Darmkrebsrisikos - also eine überwiegend pflanzliche Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, das Halten eines normalen Körpergewichts, der Verzicht auf Rauchen und ein maßvoller Alkoholkonsum. Vielmehr geht es um die Frage, ob sich das Risiko zusätzlich durch die Einnahme von Medikamenten beeinflussen lässt; Chemoprävention ist ein Fachbegriff für dieses Konzept. Die Vorstellung mag zunächst befremdlich wirken - man könnte denken: Wenn es so einfach mit einer Pille täglich ginge! - doch tatsächlich handelt es sich um ein plausibles Konzept, das in der Krebsforschung bereits seit vielen Jahrzehnten untersucht wird.

Bereits in den 1980er Jahren zeigten epidemiologische Studien, dass Menschen, die regelmäßig Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen einnahmen, seltener kolorektale Karzinome hatten. Das ist durch randomisierte kontrollierte Studien bestätigt: ASS [1], Celecoxib [2] und Rofecoxib [3] senken das Risiko kolorektaler Tumoren bzw. die Rezidivrate nach Polypektomie. Allerdings geschieht dies auf Kosten eines erhöhten kardiovaskulären Risikos. Die Effekte der moderaten getesteten Dosen von 325 mg ASS waren nur moderat und so hatte man sich wohl speziell vom dem sehr potenten, COX-2-selektiven Rofecoxib viel bei der Darmkrebsprävention versprochen. Der Rückgang der Adenom-Rezidivrate war darunter zwar statistisch signifikant, doch die Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse unter Rofecoxib war desaströs: Mehr als doppelt so viele Herzinfarkte und mehr als viermal so viele Fälle akuter Herzinsuffizienz im Vergleich zu Placebo [3]; diese Daten führten dann auch rasch zur Marktrücknahme von Rofecoxib. Damit gibt es derzeit keine Empfehlung, nichtsteroidale Antiphlogistika generell zur Darmkrebsprävention einzusetzen. Menschen, die ASS aus kardiovaskulärer Indikation einnehmen, können sich allerdings darüber freuen, dass sie nach langjähriger Einnahme wahrscheinlich auch von einer gewissen Risikoreduktion bei Darmkrebs profitieren. Nur bei einigen Hochrisikogruppen, etwa bei familiärer adenomatöser Polyposis, werden nichtsteroidale Antiphlogistika heute in spezialisierten Zentren gezielt eingesetzt.

 

Und was ist vom grünen Tee (= Grüntee) zu halten? Die Idee dürfte vor allem auf globale so genannte ökologische Korrelationsanalysen zurückgehen. In Ländern, in denen viel Grüntee getrunken wird, ist Darmkrebs selten. Aber diese Korrelation könnten kausal natürlich auch auf vielen anderen Unterschieden in den Lebensgewohnheiten beruhen. Als wesentlichen präventiven Inhaltsstoff sieht man die antioxidativ wirkende Substanz EGCG (Epigallocatechin-gallat) an. Eine aktuelle deutsche randomisierte Studie [4] untersuchte den Effekt eines Grüntee-Extrakts (150 mg EGCG zweimal täglich) auf die Rezidivrate kolorektaler Adenome. Nach drei Jahren zeigte sich zwar ein leichter Rückgang der Adenomrate gegenüber Placebo (48 % vs. 54 %), der Unterschied war jedoch nicht signifikant. Der Extrakt wurde gut vertragen. Damit spricht nichts gegen das Trinken von Grüntee oder die Einnahme des am ehesten relevanten antioxidativen Inhaltsstoffes EGCG, aber eine wirksame Darmkrebsprävention ist Grüntee oder EGCG nach gegenwärtigem Stand des Wissens nicht.

 

Ähnliches gilt für die gelegentlich propagierte Darmkrebsprävention mit Vitamin D und Calcium. Ohne hier die Studien im Einzelnen zu zitieren, lässt sich zusammenfassen: Eine tägliche Zufuhr von bis zu 2000 I.E. Vitamin D und etwa 1 g Calcium ist aus ernährungsmedizinischer Sicht sinnvoll und sicher, stellt jedoch keine nachweislich wirksame Maßnahme zur Senkung des Darmkrebsrisikos dar.

 

Nachdem die Einnahme von Substanzen zur Krebsvorbeugung auch für andere Krebserkrankungen diskutiert und in Spezialfällen auch praktiziert wird, sollen hier abschließend tabellarisch noch einige weitere Anwendungen dargestellt werden.

Atis, Pillen gegen Krebs_ - Was von der Idee der medikamentösen Krebsvorbeugung (Chemoprävention) zu halten ist

Fazit: Prinzipiell bleibt das Konzept der Chemoprävention sinnvoll, und es ist gut möglich, dass in Zukunft wirksamere und sicherere Substanzen gefunden werden. Wie hier zusammengefasst, fallen jedoch viele vielversprechende Ansätze in der kontrollierten klinischen Prüfung durch – und erweisen sich in einigen Fällen sogar als potenziell schädlich. Ein gutgläubiges Vertrauen ist hier also nicht angebracht. In den meisten Fällen bleibt es daher bei den eingangs genannten Empfehlungen zu einer gesunden Lebensweise als wirksamster Form der Krebsprävention.

 

Literatur

[1] Sandler et al., A Randomized Trial of Aspirin to Prevent Colorectal Adenomas in Patients with Previous Colorectal Cancer. N Engl J Med 2003;348:883-90.

[2] Bertagnolli et al., Celecoxib for the Prevention of Sporadic Colorectal Adenomas. N Engl J Med 2006;355:873-84.

[3] Bresalier et al., Cardiovascular Events Associated with Rofecoxib in a Colorectal Adenoma Chemoprevention Trial. N Engl J Med 2005;352:1092-102.

[4] Seufferlein et al., Green Tea Extract to Prevent Colorectal Adenomas, Results of a Randomized, Placebo-Controlled Clinical Trial. Am J Gastroenterol 2022; 117:884–894

 

Autor

Prof. Dr. med. Jürgen Brockmöller

Institut für Klinische Pharmakologie, Universitätsmedizin Göttingen