Pressemitteilung

„Babylonische Verwirrung“ bei Corona- Fallkonstellationen

Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) moniert bürokratisches
Wirrwarr um Vielzahl möglicher Corona-Testanlässe - mit je eigenen
Abrechnungsgängen

 

 

Schnelle, effiziente Maßnahmen zur Testung von Corona-Verdachtsfällen und zur Eindämmung der Pandemie sind in der gegenwärtigen Situation gefordert. Doch das muss bezahlt werden – und bei der Abrechnung von Corona-Testfällen haben die Ärzte mittlerweile unter einem heillosen Wirrwar bürokratischer Vorgaben und Fallunterscheidungen zu leiden. „Für unsere niedergelassenen Ärzte wird es zunehmend schwieriger, zwischen einem ganzen Fächer unterschiedlicher Testvoraussetzungen zu unterscheiden und Patienten, die sich wegen einer möglichen Corona-Infektion bei ihnen melden, dem korrekten Abrechnungsweg zuzuordnen“, kritisiert Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der KVN.


Einfach ist es nur, wenn Patienten sich mit konkreten Symptomen einer Corona-Erkrankung bei der Praxis melden - dann liegt ein wahrer Behandlungsfall vor, der über die KVN abgerechnet werden kann. Aber was, wenn dem Patienten durch die „Corona-Warn-App“ ein „erhöhtes Risiko“ mitgeteilt wurde? Dann hat der Patient die Wahl zwischen Gesundheitsamt und Arztpraxis. Kompliziert wird es, wenn eine Person ohne Symptome vom Gesundheitsamt zum Test geschickt wurde. Der Test müsste dem Gesundheitsamt in Rechnung gestellt werden - aber allgemeingültige Abrechnungswege bestehen dafür noch nicht. Muss eine Person ins Krankenhaus und zuvor vorbeugend getestet werden, ist der Hausarzt gar nicht zuständig - der Test muss vom Krankenhaus durchgeführt und bezahlt werden.

 

Bei einer ganzen Anzahl weiterer Testanlässe muss der Arzt immer im Blick haben, dass sie gar keine Kassenleistung sind. Das ist etwa der Fall, wenn der Arbeitgeber ein negatives Testergebnis von einem Mitarbeiter verlangt, aber auch, wenn ein Arbeitnehmer in einem Altenheim oder Krankenhaus arbeitet und sich vorbeugend testen lassen möchte. In diesen Fällen müssen die Tests privat bezahlt werden. Das gleiche gilt, wenn vor Urlaubsantritt das Urlaubshotel ein negatives Testergebnis nachgewiesen haben möchte.


„Kommt dann aber der Urlauber aus dem Reiseland zurück und möchte sicher gehen, dass er sich nicht im Hotel angesteckt hat, ist das für ihn jetzt kostenfrei“, moniert KVN-Chef
Barjenbruch.


Doch auch hier muss unterschieden werden - Anspruch auf den Test hat man nur nach einer Auslandsreise. Nach einer Inlandsreise dürfen Patienten sich nur dann kostenlos testen lassen, wenn sie sich in der Nähe eines „Hotspots“ aufgehalten haben oder in einer Gegend, die zwischenzeitlich zum Corona-Warngebiet ausgerufen wurde.


Bei Auslandsrückkehrern steht der Arzt vor der Entscheidung: Testet er selbst oder leitet er den Patienten an eine Testeinrichtung weiter? Doch wie auch immer - die Abrechnung ist noch ungeklärt. Für die Weiterleitung an eine Testeinrichtung gibt es keine Abrechnungsmöglichkeit. Die erhebliche Praxiszeit, die in den nächsten Wochen bei vielen Ärzten für die Abklärung solcher Fälle anfällt, wird ihnen also überhaupt nicht vergütet.


Ärzte, die selbst testen, können diese Tests aber nicht über ihr Praxisverwaltungssystem
abrechnen. Denn Kostenträger ist in diesen Fällen das Bundesamt für Soziale Sicherung. Das verlangt eine gesonderte monatliche Abrechnung statt der in den Praxen üblichen
quartalsweisen Abrechnung. Barjenbruch: „Ein eigener Arbeitsstab bei uns befasst sich derzeit nur mit der Frage, wie wir diese Vorgaben überhaupt umsetzen können.“ Für Ärzte und Praxen läuft das wahrscheinlich auf eine „doppelte Abrechnung“ und hohen Bearbeitungsaufwand hinaus. „Wenn die Politik den Bürgern und Wählern massenhafte Tests zum Nulltarif verspricht“, so Barjenbruch, „sollte sie zumindest mit vereinfachten Abrechnungsregeln den Ärzten und medizinischen Einrichtungen den Rücken freihalten, statt sie mit einer Flut amtlicher Detailregelungen zu belasten.“