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Kassenärzte in Niedersachsen bestürzt über Probleme bei der Impfstoffversorgung

Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen übt scharfe Kritik am Impfstoff-Management des Bundesgesundheitsministeriums

 

Der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) zeigt sich entrüstet und bestürzt über die abermaligen Verzögerungen und Rückschläge bei den jetzt anlaufenden Corona-Auffrischungsimpfungen. Gestern wurde bekannt, dass die impfenden Praxen und auch die über das Land verteilten Impf-Schwerpunktpraxen entgegen allen Zusagen nicht die von ihnen bestellten und benötigten Impfstoffmengen geliefert bekommen. „Die unzureichende Impfstoffversorgung wird zu einem Dauerthema in der Pandemiebekämpfung“, moniert KVN-Vorstandsvorsitzender Mark Barjenbruch. „Nach fast zwei Jahren hat Bundesminister Jens Spahn es immer noch nicht geschafft, eine vorausschauende Steuerung der Corona-Prävention zu etablieren. Für die ständigen Probleme und Widersprüchlichkeiten bei den Impfaktionen fehlt uns jedes Verständnis.“

 

Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen in Deutschland zeichnete sich unter den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten eine überwältigende Impfbereitschaft ab. Doch dann kam ein erster Rückschlag: Das Bundesgesundheitsministerum deckelte ausgerechnet die Auslieferung des von der Bevölkerung stark nachgefragten Impfstoffes von BionTech/ Pfizer. Die Praxen standen vor dem Problem, ihre Patienten in erneuten Aufklärungsgesprächen von der Unbedenklichkeit des Alternativimpfstoffes des Herstellers Moderna überzeugen zu müssen. In Niedersachsen gelang es der Spitze der KVN jedoch, in Abstimmung mit dem nds. Sozialministerium durchzusetzen, dass den Praxen und insbesondere den Schwerpunktpraxen ein höheres Kontingent an BionTech-Impfstoff zur Verfügung gestellt werden sollte.

 

Die nächste Irritation folgte auf dem Fuße: In dem neuen Infektionsschutzgesetz fordert der Gesetzgeber plötzlich, dass auch geimpftes und genesenes Praxispersonal täglich einen negativen Corona-Test absolvieren müsse. Eine belastende, kaum umsetzbare Bestimmung für die Praxen, zumal das erforderliche Testmaterial wieder knapp wird. Zahlreiche Praxen hätten über kurz oder lang vor der Alternative gestanden, mangels Testmaterial entweder ihren Betrieb zu schließen oder eine mit hohen Geldstrafen bewehrte Ordnungswidrigkeit zu begehen. Auch hier gelang es der KVN im Schulterschluss mit dem nds. Sozialministerium, die Regelung vorerst zu entschärfen. „Wir benötigen jetzt alle Kapazitäten für die anstehenden millionenfachen Impfungen“, kritisiert Barjenbruch. „Verwaltungsrituale können wir uns nicht leisten.“

 

„Jetzt erreichen uns Hiobsbotschaften aus allen Teilen Niedersachsens, dass Praxen sich auf breite Impfaktionen vorbereitet und bereits Impftermine ausgegeben haben und plötzlich nicht die erforderliche Impfstoffmenge erhalten“, umreißt der stellv. KVN-Vorstandsvorsitzende Dr. Jörg Berling die Situation. Berling, selbst praktizierender und impfender Hausarzt in Lüneburg, weiß, wo das Problem liegt: „Den Praxen wurden bestimmte BionTech-Impfstoffkontingente zugesagt, sofern sie sie bis Dienstag, 14.00 Uhr bestellten. Danach planten die Praxen. Jetzt erfahren sie, dass sie nicht annähernd die bestellten Mengen erhalten. Doch das Zeitfenster für die Bestellungen hat sich geschlossen. Die Praxen haben jetzt keine Möglichkeit mehr, kurzfristig auf den Alternativimpfstoff auszuweichen.“

 

Unter den Ärzten und in der Bevölkerung breitet sich verständlicherweise Frustration aus. Mancherorts wurden Impfaktionen bereits in der Presse angekündigt; impfende Praxen werden von Impfwilligen geradezu überrannt. Die müssen jetzt viele Impfzusagen wieder zurückziehen und stoßen auf nervöse, besorgte Patienten. „Es sind unsere Praxisangestellten, die den – berechtigten – Zorn der Bevölkerung jetzt aushalten müssen, weil die Politik ihre Zusagen nicht einhält“, ärgert sich Berling. „Die Vertragsärzte stehen an der Seite der Politik, sie wollen in breitem Maße impfen – doch dann werden ihnen ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen.“

 

KVN-Chef Barjenbruch appelliert in dieser misslichen Lage an alle Impfwilligen: „Ihr Ärger ist verständlich. Doch bitte – lassen Sie ihn nicht an den Praxen aus. Wenn wieder mehr Impfstoff verfügbar ist, werden Sie auch umgehend die Gelegenheit zur Impfung erhalten.“