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Studie zur Arztzahlprognose 2035 in Niedersachsen erhält Zi-Wissenschaftspreis

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) zeichnet Prof. Dr. Stephan L. Thomsen (Leibniz Universität Hannover) mit dem Wissenschaftspreis 2021 aus

 

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) hat aktuell zwei Studien mit dem Wissenschaftspreis 2021 „regionalisierte Versorgungsforschung“ ausgezeichnet.

 

Der 2. Preis geht an Prof. Dr. Stephan L. Thomsen (Leibniz Universität Hannover) mit den Koautoren Kai Ingwersen und Insa Weilage für ihre Arbeit „Versorgungsgradprognosen als Baustein einer evidenzbasierten Versorgungsplanung“, ein Thema das sich regional der Zukunft der hausärztlichen Versorgung in Niedersachsen widmet und für die Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) durchgeführt worden ist.

 

Die Studie prognostiziert den Ärztinnen- und Ärztebedarf in Niedersachsen bis zum Jahr 2035. Kernaussagen der Studie sind: Die Anzahl der Hausärztinnen und Hausärzte wird bis zum Jahr 2035 auf rund 3.750 von jetzt 5.044 sinken. In der fachärztlichen Versorgung wird es starke Tendenzen in Richtung Unterversorgung in den ländlichen Planungsbereichen geben. Betroffen sind die Fachgruppen der Augenärzte, HNO-Ärzte, Hautärzte, Nervenärzte und Urologen.

 

„Vor allem die Hausärzte, aber auch einzelne fachärztliche Disziplinen stehen mittelfristig vor allem im ländlichen Raum stark unter Druck. Die Sicherstellung der flächendeckenden Vertragsärztlichen Versorgung wird immer schwerer werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KVN, Mark Barjenbruch, heute in Hannover.

 

„Durch die jetzt prämierte Studie liegen der KVN neue Erkenntnisse des Ärztebedarfs in Niedersachsen bis zum Jahr 2035 vor. Und die Ergebnisse der durch die Leibniz Universität Hannover durchgeführten Studie bestätigen die Gefahren für die flächendeckende vertragsärztliche Versorgung in Niedersachsen“, so der KVN-Vorstandsvorsitzende.

 

Auch der Bericht der niedersächsischen Enquetekommission zur Sicherstellung der ambulanten und stationären medizinischen Versorgung sei für eine zukunftsfähige Ausrichtung unseres Gesundheitssystems hilfreich. „Diese beiden Expertisen sind wichtig und hilfreich“, so Barjenbruchs Worte.

 

„Die Ergebnisse der Thomsen-Studie unterstützen unseren Kurs, bereits heute durch Mittel aus dem Strukturfonds in Niederlassungen, Anstellungen und Praxisübernahmen in Gebieten zu investieren, die in der Studie als stark von Unterversorgung bedrohte Gebiete prognostiziert werden. Dies wird zukünftig in noch mehr Planungsbereichen der Haus-, aber auch der Fachärzte notwendig sein“, kündigte Barjenbruch an.

 

Zusätzlich wurde in der Studie der Universität Hannover simuliert, wie sich die seitens der Landesregierung geplante, jedoch noch nicht umgesetzte Erhöhung der Zahl der Studienplätze für Medizinstudierende an den drei niedersächsischen Fakultäten in Göttingen, Hannover und Oldenburg auf die mittelfristige Versorgung auswirken könnte.

 

„Unsere Mitglieder und wir haben schon seit langem darauf gedrängt, die seit Jahrzehnten immer weiter zusammengekürzten Kapazitäten der medizinischen Fakultäten zur Sicherstellung des medizinischen Nachwuchses wieder aufzustocken. Die neue Studie zeigt nun: Hier wurde leider zu viel Zeit verschwendet und eine Gelegenheit vertan, dem drohenden und teils bereits realen Ärztemangel zu begegnen und die vertragsärztliche Versorgung mittel- und vor allem langfristig zu stärken. Selbst wenn ab sofort alle mehr oder minder konkret angekündigten Maßnahmen - mehr Studienplätze  und eine Landarztquote ab 2023 - vollständig umgesetzt würden, wird dies bis 2035 keine nennenswerten positiven Effekte auf die Versorgung haben. Erst nach 2035 wäre langsam mit spürbaren Effekten zu rechnen“, so Barjenbruch.

 

„Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Landkreisen, um vor Ort die Rahmenbedingungen für Niederlassungen zu verbessern. Alle Beteiligten müssen darauf achten, dass über den öffentlichen Nahverkehr die Mobilität der Menschen erhalten bleibt. Dort, wo es in Zukunft weniger Ärztinnen und Ärzte geben wird, müssen die Patienten weiterhin in der Lage sein, mit Bussen in die nächste Arztpraxis zu kommen“, forderte der KVN-Vorstandsvorsitzende.

 

Der 1. Preis des ZI geht an Andreas Schuppert und Christian Karagiannidis (RWTH Aachen University bzw. Kliniken der Stadt Köln und Universität Witten/Herdecke) mit den Koautoren Polotzek, Schmitt, Busse und Karschau für die Arbeit „Different spreading dynamics throughout Germany during the second wave of the COVID-19 pandemic: a time series study based on national surveillance data".