Hannover: Ausstellung „Systemerkrankung“ noch bis zum 27. März 2026 geöffnet
In den Räumen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) ist noch bis zum 27. März 2026 die Ausstellung „Systemerkrankung: Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ zu sehen. Sie zeigt in eindrücklicher Weise durch multimedial aufbereitetes, bislang unveröffentlichtes Quellenmaterial, wie Ärztinnen und Ärzte und ihre Standesvertretung zu Verbrechen einer menschenverachtenden Ideologie und deren Umsetzung beigetragen haben.
Die Ausstellung, die am heutigen Freitag feierlich eröffnet worden ist, basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und wurde vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin kuratiert.
Zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung wies der Vorsitzende der Vertreterversammlung der KVN, Dr. Eckart Lummert, darauf hin, dass nicht zuletzt der hippokratische Eid „uns an die tiefe moralische Verantwortung erinnert, die mit unserem Berufsstand einhergeht. Diese Ausstellung macht deutlich, dass wir dieser moralischen Verantwortung im Dritten Reich nicht gerecht geworden sind.“ Diese Ausstellung zeige, weshalb Erinnerungsarbeit zum Nationalsozialismus auch 81 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes wichtig ist und bleibt. „Sie ist Mahnmal, Warnung und Erinnerung und zeigt uns: Nur weil das Regime gefallen ist, sind die Gedanken nicht verschwunden.“ Zu den Aufgaben der Kassenärztlichen Vereinigungen und den anderen ärztlichen Verbänden gehöre es auch zu verdeutlichen, was auf dem Spiel steht, wenn in einem Berufsstand, der dem Menschen verpflichtet ist, die Menschlichkeit verloren geht.
Hanna Naber, die Landtagspräsidentin von Niedersachsen, setzte sich in Ihren Grußworten entschieden für den Schutz jüdischen Lebens und die Bekämpfung von Antisemitismus ein. Sie betonte, dass Antisemitismus die Gesellschaft vergifte und in Niedersachsen kein Platz dafür sei. „Die Ausstellung ‚Systemerkrankung‘ ist deshalb so wichtig, da sie anschaulich zeigt, dass unsere Gesellschaft wachsam bleiben muss, damit Rassenwahnsinn und antidemokratische Tendenzen in unserem Land nicht Fuß fassen.“ Wichtig sei es, Antisemitismus im Alltag zu erkennen, ihm entgegenzutreten und entschieden zu widersprechen. Naber bezeichnete es als beschämend, dass „Täter in weißen Kitteln“ auch zur Vernichtung von Jüdinnen und Juden und Andersdenken beigetragen hätten.
Einen Blick hinter die Kulissen zur Entstehung der Ausstellung gab der Kurator Sjoma Liederwald. „Begonnen haben wir mit dem Umzug der KBV im Jahr 2014 von Köln nach Berlin.“ Damals habe man bei der Auflösung der Büros in Köln bei einer inzwischen verstorbenen „grauen Eminenz“ der damaligen KBV in einem Tresor – „zu dem niemand den Code kannte“ – eine Vielzahl historischer Dokumente, Protokolle, Listen und Notizen aus der NS-Zeit gefunden. Drei Jahre habe man benötigt, um alle Aktenordner zu sichten, zu sortieren und durchzugehen. Am Ende sei daraus das Forschungsprojekt der KBV entstanden. „Das Ergebnis zeigen wir jetzt in Hannover“, so Liederwald, „und wollen damit vor allem in den Dialog gehen.“
Zuvor hatte der Wissenschaftler und Medizinhistoriker Dr. Peter Schulze aus Hannover den Blick insbesondere auf die Ausgrenzung jüdischer Medizinerinnen und Mediziner in Niedersachsen gerichtet. Schulze verdeutlichte, dass sich insbesondere für jüdische Ärzte mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 vieles abrupt änderte. Zahlreiche jüdische Mediziner wurden aus ihren Ämtern gedrängt, entrechtet, zur Emigration gezwungen oder später deportiert und ermordet.
Öffnungszeiten
Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) präsentiert noch bis zum 27. März 2026 in den Räumen der KVN-Bezirksstelle Hannover (Schiffgraben 28, 30175 Hannover/Zugang über Innenhof Berliner Allee22) die KBV-Wanderausstellung "Systemerkrankung: Arzt und Patient im Nationalsozialismus" der Öffentlichkeit.
Die Ausstellung ist für die Öffentlichkeit jeweils von Montag bis Donnerstag von 10 Uhr bis 17 Uhr und am Freitag von 10 Uhr bis 14 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenfrei. Schulklassen sind willkommen.
Weitere Informationen:
