KV Niedersachsen stellt Arztzahlprognose für das Jahr 2040 vor und fürchtet Versorgungslücken durch aktuelle Gesundheitsreformen
Der Mangel an Ärzte und Psychotherapeuten wird im Jahr 2040 nicht so hoch sein, wie 2020 noch prognostiziert. Dies ist eine der Kernaussagen der Arztzahlprognose 2040 der KVN. Das liegt auch an den eingesetzten finanziellen Mitteln zur Sicherstellungsförderung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in den vergangenen Jahren.
In Niedersachsen wird es bis zum Jahr 2040 einen Bevölkerungsrückgang von jetzt 8 Millionen auf 7,65 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner geben. Auf der einen Seite verringert dies rechnerisch den Bedarf an Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, auf der anderen Seite ist aufgrund der alternden Bevölkerung ein erhöhter Bedarf an medizinischer Versorgung erwartbar. Dies ist eine weitere Kernaussage der Arztzahlprognose 2040, die die KVN am 8. Juli im Rahmen der Landespressekonferenz in Hannover vorgestellt hat. Prof. Dr. Stephan L. Thomsen vom Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Hannover hat im Auftrag der KVN die Prognose erstellt.
„Es wird bis zum Jahr 2040 in Niedersachsen einen Rückgang der Arztzahlen – je nach Zugangs-Szenario – geben. Für die Versorgung wird aber die Allokation entscheidend sein und nicht allein das Problem der Anzahl der Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten insgesamt“, sagte Prof. Dr. Stephan L. Thomsen vor Journalisten in Hannover. Thomsen weiter: „Die differenzierten Ergebnisse der Vorausberechnung weisen zudem auf einen sehr großen Ersatzbedarf in den kommenden fünf bis zehn Jahren hin. Ein großer Teil der ambulanten Versorgung in Niedersachsen wird aktuell von über 68-jährigen Ärztinnen und Ärzten getragen. Hier besteht das Risiko, dass sie ad hoc ihre Praxistätigkeit aufgeben. Was in der Zukunft passiert, bleibt abzuwarten – insbesondere auch im Hinblick auf die aktuellen gesundheitspolitischen Reformvorhaben.“
KVN fürchtet drohende Versorgungslücken durch Gesundheitsreformen
Hier knüpfte Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN, an: „Die Gefahr vermehrter Praxisaufgaben besteht akut. Ich fürchte, dass durch die geplanten gesetzlichen Honorarkürzungen durch das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ab 2027 vor allem ältere Ärzte und Psychotherapeuten ihre Praxen deutlich früher aufgeben als ursprünglich geplant oder in die rein private Versorgung wechseln. Die wirtschaftliche Belastung durch geringere Einnahmen senkt die Bereitschaft, auch im höheren Lebensalter weiterzuarbeiten. Viele Ärztinnen und Ärzte im fortgeschrittenen Alter empfinden die neuen Rahmenbedingungen als wirtschaftlich unattraktiv. Anstatt unter erschwerten Bedingungen weiter tätig zu sein, ziehen sie den Ruhestand vor. Vor allem in strukturschwachen oder ländlichen Regionen Niedersachsens, in denen ohnehin ein massiver Ärztemangel herrscht, verschärft dies die Versorgungssituation.“
Schmidt weiter: „Erfreulich ist, dass die aktuelle Prognose im Vergleich zu 2020 bessere Ergebnisse zeigt, Die Anstrengungen der KVN zur Sicherstellung und die dafür aufgewandten finanziellen Mittel haben offenbar gewirkt.“
Hausärztliche Versorgung
Vor allem die Hausärztinnen und Hausärzte, aber auch einzelne fachärztliche Disziplinen stehen bis 2040 vor allem im ländlichen Raum stark unter Druck. „Die Sicherstellung der flächendeckenden vertragsärztlichen Versorgung wird immer schwerer werden“, sagte Schmidt.
Stichwort hausärztliche Versorgung: Den stärksten Bevölkerungsrückgang wird es im südlichen Niedersachsen in den hausärztlichen Planungsbereichen Osterode am Harz, Bad Harzburg, Hann. Münden, Duderstadt und Clausthal-Zellerfeld geben. Einen leichten Bevölkerungsanstieg in der Stadt Hannover und im westlichen Niedersachsen in Friesoythe, Cloppenburg und Vechta. Einen hohen Leistungsbedarf in der hausärztlichen Versorgung wird es im Süden Niedersachsens – mit Ausnahme der Stadt Göttingen – geben. Einen geringeren hausärztlichen Leistungsbedarf im Westen und Nordosten Niedersachsens und in städtischen Regionen. Dies liegt an der unterschiedlichen Demographie.
Die Anzahl der Hausärztinnen und Hausärzte beträgt aktuell 5.241. Bei einem angenommenen niedrigen Zugang von 254 Köpfen pro Jahr wird die Anzahl bei 4.560 (minus 10 %) im Jahr 2040 liegen. Bei einem moderaten Zugang von 282 Hausärztinnen und Hausärzten bei 4.872 (minus 3 %) und bei einem hohen Zugang bei 5.634 (plus 12 %). Die KVN geht von einem moderaten Zugang aus.
Bis 2040 müssen allerdings flächendeckend 50 bis 90 Prozent der hausärztlichen Sitze aufgrund der Altersstruktur (Babyboomer) der Niedergelassenen nachbesetzt werden. Die Problemregionen der hausärztlichen Versorgung werden die Planungsbereiche Helmstedt, Quakenbrück, Bad Pyrmont, Gifhorn und das Wolfsburger Umland sein. Von insgesamt 105 Planungsbereichen könnten im Jahre 2040 16 unterversorgt und 24 Planungsbereiche überversorgt sein. 65 Planungsbereiche hätten einen Versorgungsgrad zwischen 110 und 75 Prozent.
Fachärztliche Versorgung
In der fachärztlichen Versorgung wird es bis zum Jahr 2040 in weiten Teilen Niedersachsens ein Absinken der Versorgungsgrade – bis hin zur Unterversorgung – geben. Betroffen sind die Fachgruppen der Augenärzte, Frauenärzte, HNO-Ärzte, Hautärzte, Kinder- und Jugendärzte, Nervenärzte und Urologen.
